Schematherapie – Das innere Kind, seine Plagegeister und Beschützer

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Autor: Moritz Riemer

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Die Schematherapie teilt unser Innenleben in verschiedene Teile ein. Die wichtigsten sind:

 

  1. Unser verletzlicher Teil. Er schämt sich oft sehr, ist traurig oder hat große Angst. Und zwar in Situationen, in denen andere Menschen locker bleiben können.
  2. Unser undisziplinierter Teil. Er drückt sich um die Erledigung anstrengender, unangenehmer oder langweiliger Sachen. Und zwar in Situationen, in denen es für Sie eigentlich besser wäre, diese Sachen zu machen.
  3. Der ätzende Teil. Er macht Sie runter. Weil Sie irgendetwas nicht (perfekt) können oder weil Sie jemand (vielleicht) nicht mag oder aus einem anderen Grund.
  4. Die ungeschickten Beschützer. Das sind Teile in Ihnen, die verhindern wollen, dass es uns schlecht geht. Leider benutzen Sie dazu Methoden, mit denen es Ihnen dann auf Dauer doch ziemlich schlecht geht: andere Menschen vermeiden oder Ihre Bedürfnisse nicht ansprechen oder gemein zu anderen zu sein und solche Sachen.
  5. Der erwachsene Teil. Der, der die Welt um uns realistisch einschätzt und gute Strategien parat hat, um Ihre Bedürfnisse zu erfüllen.

 

In der Schematherapie schauen Sie zuerst, wie die Teile in Ihnen genau aussehen und welche Schwierigkeiten bereiten. Als Beispiel soll hier Frau X dienen, die unter dem Stress auf Arbeit zusammengebrochen ist. In der Therapie findet sie heraus:

 

  • Sie hat einen ätzenden Teil, der sie jedes Mal runtermacht, wenn sie irgendjemand gerade nicht mag.
  • Ihr verletzlicher Teil wird traurig, wenn er runtergemacht wird. Logisch.
  • Einer ihrer ungeschickten Beschützer versucht zu verhindern, dass der verletzliche Teil traurig wird. Er entwirft den Plan, von möglichst vielen Menschen gemocht zu werden, damit der ätzende Teil keinen Grund mehr zum Runterputzen hat. Zu diesem Plan gehört, auf Arbeit immer „Ja“ zu sagen, wenn ein Kollege Frau X um etwas bittet. Denn sonst könnte der Kollege sie ja vielleicht nicht mehr mögen.
  • Der erwachsene Anteil von Frau X weiß eigentlich, dass es keine gute Idee ist, zu jeder Bitte „Ja“ zu sagen, denn dadurch handelt sie sich auf Arbeit sehr großen Stress ein. Aber dieser Teil in ihr ist einfach noch nicht stark genug.

 

Vielleicht haben Sie Teile in sich, die ein Bisschen oder ganz anders aussehen als die von Frau X. Möglicherweise stehen Ihnen weniger Ihre ungeschickten Beschützer im Weg, sondern mehr ihr undisziplinierter Teil. Zum Beispiel, gerade schon die zweite Mahnung zur Steuererklärung im Briefkasten lag. Wie genau das Bild in Ihnen auch immer aussieht, die Schematherapie hilft Ihnen, besser mit Ihren Teilen umzugehen. Dazu hat sie eine Vielzahl an Möglichkeiten. Hier ein paar Beispiele:

 

  • Sie können sich vorstellen, der ätzende Teil wäre an einer bestimmten Stelle des Raum (z.B. auf einem Stuhl). Und dann üben Sie, ihm mit Ihrem erwachsenen Teil gegenüberzutreten. Ihn zum Schweigen zu bringen und ihn aus dem Raum zu schmeißen. Mit etwas Übung wird Ihnen das immer besser gelingen, auch in Ihrem inneren, wo Sie dann Ihren verletzlichen Teil schützen können. Bei all dem unterstützt Sie natürlich Ihre Therapeutin/Ihr Therapeut.
  • Sie können lernen, Ihren undisziplinierten Anteil zu erziehen. Zum Beispiel üben Sie, auf seine Handlungen Konsequenzen folgen zu lassen: „Wenn ich heute nicht mindestens eine Seite Steuererklärung mache, werde ich mir drei Tage lang keine Videos im Internet mehr anschauen“). So gewöhnen Sie ihn daran, auch nervige Aufgaben zu erledigen.
  • Sie können sich in Gedanken in eine Situation aus ihren Leben zurückbegeben, in der es Ihrem verletzlichen Teil sehr schlecht ging. Mit Fantasie fügen Sie dann eine Person in diese Situation hinzu. Am besten genau die Person, die Ihr verletzlicher Teil am meisten gebraucht hätte. Sagen wir zum Beispiel, ein Lehrer hat Sie als Kind sehr doll ausgeschimpft und das auch noch zu Unrecht. Hier könnten Sie jemanden in die Situation hineindenken, der Sie in Schutz nimmt. Das könnte z.B. ihr Lieblingsonkel sein oder Ihr eigener erwachsener Teil oder auch der Held aus einer Geschichte, die Sie mögen.
  • Sie können lernen, auf die Vorschläge der ungeschickten Beschützer zu verzichten. Zum Beispiel könnten Frau X beginnen, auf Arbeit auch einmal „Nein“ zu einer Bitte zu sagen. Das würde ihr die Erfahrung ermöglichen, dass andere oft auch verständnisvoll darauf reagieren. Und selbst wenn sie dann mal jemand nicht mehr so mag, geht die Welt davon natürlich auch nicht unter. Gerade wenn Frau X schon geübt hat, Ihrem ätzenden Teil den Mund zu verbieten.

 

Insgesamt hat die Schematherapie viele Vorteile: Sie lernen sich sehr gut kennen. Auch das, was Ihre Vergangenheit so mit Ihnen gemacht hat. Außerdem kann Ihr Therapeut/Ihre Therapeutin gleich während der Stunde Kontakt zu Ihren Teilen aufnehmen und Ihnen beim Umgang mit ihnen helfen. Schließlich nimmt jeder seine Teile überall mit hin und in der Schematherapie kann man sie dann einfach auf einen Stuhl im Raum setzen. Davon abgesehen ist Schematherapie als Patient gut zu durchschauen: Sie werden mit Ihrer Therapeutin/Ihrem Therapeuten genau planen, was Sie erreichen möchten. Sie werden zudem lernen, wie das geht und Sie werden wissen, wie weit Sie schon damit sind.

 

* Psychotherapie Shorties: In dieser Reihe versuche ich, über einige Formen der Psychotherapie einen Überblick geben, der möglichst leicht verständlich ist und damit jedem einen ersten Zugang ermöglichen. Wegen dieses Zieles sind meine Schilderungen automatisch vereinfachend und unvollständig. Für genauere Erläuterungen, die zudem von Menschen geschrieben wurden, die sich in den einzelnen Formen noch viel besser auskennen als ich, verweise ich den geneigten Leser auf die einschlägige psychotherapeutische Fachliteratur und gebe auf Anfrage auch gerne Empfehlungen.

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Über den Autor

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Moritz Riemer arbeitet als psychologischer Coach in Leipzig.

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